Vortrag zu „Triple Saut Sur Place“


Lanzenstiel/Mohr/Warrass sautent sur place,

trois fois, Paris-Pasing aller et retour, première classe, tarif normal

Triple saut sur place, das Leben ist ein Chanson mit so einem Titel, und selbst die traurige Landsberger Straße erglänzt in milderem Licht.

Triple saut sur place – ein Dreisprung auf der Stelle. Ob im Ballett, mit dem Hüpfseil oder auf dem Pferdedressurplatz bleibt ungewiß, und vielleicht ist es ja auch nicht so sehr der Sprung selber, der hier bemerkenswert ist, sondern vielmehr, auf welche Weise die Springenden beim Wiederaufprall am Boden die umliegenden Gegebenheiten, Verhältnisse und Wahrnehmungen zum Wackeln, ja, zum Tanzen bringen.

Diese Ausstellung verdankt sich einem überaus glücklichen Zufall (wenn wir die Galerie Royal als Maß aller Dinge und Ziel aller Geschichte betrachteten, könnten wir auch sagen, es war Schicksal), dem Zufall nämlich, daß die Münchnerin Simone Lanzenstiel, die Berlinerin Elke Mohr und die Düsseldorferin Petra Warrass gleichzeitig zu Gast in der Pariser Cité internationale des Arts waren. Dieser ehrwürdigen Institution verdankt die Galerie Royal also nun eine Ausstellung, die einen würdigen Schlußstein im Palast der Pasinger Herrlichkeiten bildet; besonders glücklich sind wir übrigens, daß bei dieser Ausstellung sogar der Boden umgestrichen wurde – Wandmalerein und eine umgestrichene Decke, Tapezierungen, Einbauten, Umbauten: das war alles schon da. Zu unserem Glück hatte uns nur noch ein grüner Boden gefehlt, den haben wir jetzt und können nach dieser letzten Ausstellung in Pasing getrost ein neues Quartier beziehen.

Aber zurück zur Cité des Arts: die Cité ist nicht nur der biographische bzw. institutionelle Hintergrund für das Zustandekommen dieser Ausstellung, sie kommt in den Arbeiten zum Teil auch direkt vor.

Die Cité ist eine Einrichtung, die von einer französischen Stiftung getragen wird, die aber von Regierungs- und Kulturinstitutionen zahlreicher Staaten gefördert wird, die dafür das Recht erhalten, Stipendiaten dorthin zu schicken.

Die Bundesrepublik Deutschland hat in der Cité Internationale des Arts drei Belegungsrechte erworben.
Gefördert werden vorrangig jüngere Künstlerinnen und Künstler aus Bildender Kunst, Architektur und Musik , die „in ihrer künstlerischen Entwicklung noch offen sind.

Sie müssen

– bereits öffentliche Anerkennung als Künstler gefunden haben;

– deutsche Staatsangehörige sein oder ihren künstlerischen Schaffensmittelpunkt und den ersten Wohnsitz zum Zeitpunkt der Bewerbung seit mindestens 2 Jahren in der Bundesrepublik Deutschland haben;

– bei Antritt ihres Aufenthalts in Frankreich über ausreichende Kenntnisse der französischen Sprache verfügen.

– Der Studienaufenthalt beträgt sechs Monate“

Die StipendiatInnen bekommen neben einem Barstipendium vor allem Wohn- und Arbeitsraum in der Cité, sowie die Möglichkeit, an den dortigen Gruppenausstellungen teilzunehmen.

Nun darf man sich unter „Cité“ nicht wirklich eine Stadt in der Stadt vorstellen, eher eine Cité universitaire, ein Studentenwohnheim, untergebracht in einem zyklopischen Bau aus der im Jahr 1965 errichtet wurde, und leider auch genau so aussieht; die Lage ist eigentlich sehr reizvoll, im vierten Arrondissement, gegenüber der Île St. Louis an der Seine gelegen, mittig zwischen Pont Louis-Philippe und Pont Marie, doch das Gebäude selber ist ein modernes Monstrum, im internationalen Stil errichtet, und könnte schon alleine erklären, warum die Postmoderne gerade in Frankreich so durchschlagen konnte…

Im Prinzip ist ja überhaupt das gesamte Konzept der Insitution paradigmatisch für die technokratischen Phantasmagorien der Hochmoderne: die Vorstellung von einer Art Kunstkaserne oder -fabrik, zufällig in Paris, aber genauso an jedem anderen Ort der Welt möglich; eine Kaserne, in der man Bett und Atelier bereitstellt, aber mehr eigentlich nicht, und in der die Künstler, wie Leibniz’sche Monaden alle nebeneinander in ihren Kämmerchen sitzen und Arbeiten schaffen, zufällig am gleichen Ort aber eigentlich nur unmittelbar zur Kunst. Denn Räume, die dazu dienen könnten, wirklich einen Austausch zwischen den Stipendiaten aus aller Herren Länder zu ermöglichen, wie ein Café oder ähnliches: das fehlt.

Unter solchen widrigen Produktionsbedingungen lernten sich die drei deutschen Stipendiatinnen kennen und die spezifischen Lebens- und Arbeitsumstände in der Cité des Arts reflektieren sie nun in ihren Arbeiten.

Das Video von Petra Warrass vermittelt uns einen Eindruck vom Innenleben des Gebäudes: ein potentiell endloser Gang, grau-grün, neonbeschienen, eine anonyme Reihe von Türen, teils im hellen, teils im dunklen, so daß die Türschilder nicht einmal lesbar sind. In diesem Gang eine junge Frau in einer weissen Bluse, die mit geschlossenen Augen auf die Kamera zuläuft, nein: taumelt, die Kamera aber entfernt sich gleichzeitig von ihr. Der kurze Film wirkt rätselhaft: wer ist die Frau, warum hat sie die Augen geschlossen, was ist das für ein trister tageslichtloser Gang (wir wissen natürlich: es ist die zum Arbeiten anregende Architektur der Cité des arts)?

Das ganze hat etwas von der Bildsprache eines David Lynch, nicht zuletzt durch die auffallenden, und auffallend ins Bild gesetzten rosa Schuhe der Protagonistin, die wie ein Zitat wirken aus dem auch von Lynch sehr geschätzten Pionierfarbfilm „The Wizard of Oz“. Ist die Protagonistin so wie Dorothy traurig über die fremde und seltsame Welt in die sie da hineingeraten ist? Müßte Sie nur dreimal die Hacken ihrer Schuhe zusammenschlagen und sprechen „Es ist nirgends so schön wie zuhause“? Aber: wo und was ist dieses Unzuhause, in das sie da geraten ist? Es taumelt, es schlingert, es könnte das Innere – das sehr tiefe Innere – eines Schiffes sein. Man weiss es nicht, man will es auch nicht wissen. Deshalb lieber die Augen zu; und in einer Art von Traumzeit wiederholt sich die gleiche Passage immer wieder, aber nicht einmal das kann man genau sagen – vielleicht wiederholt sich die Szene ja in verschiedenen Gängen, die lediglich alle gleich aussehen.

So wie Warrass‘ Video an einem Ort gedreht ist und von anderen Orten (der Andersartigkeit von Orten) handelt, spielen auch Simone Lanzenstiels Wandmalereien mit der Dialektik von hier und dort, drinnen und draussen, Architektur und Interpretation. Die schlichte Variation von waagrechtem und senkrechtem, von Gittern, Linien, Anordnungen und Rhythmisierungen beschreibt der bestehenden Architektur der Galerie eine neue Architektur ein, macht Fenster auf, schafft Ausgänge, wo keine sind, übergeht zum einen bestehende Elemente wie die zugenagelte Türe, verstärkt andererseits den oft als störend empfundenen Mauervorsprung und vereinnnahmt ihn für die zweidimensionale nichtgegenständliche Konstruktion. Die Wand wird zum Bild und das Bild wird zum Rahmen für ein weiteres Bild, eine Linie kann zum Horizont werden und selbst die vorgefundene Neonröhre wird hineingesogen in dieses auf den ersten Blick einfache, in Wahrheit aber höchst komplexe und vieldeutige System von Linien. Der vorgegebene Raum und die malerische Setzung kippen hier fortwährend ineinander. Und die klare Dreifarbigkeit, das blau und rot mit dem Weiß der Wände, mag an die französische Tricolore erinnern, hat aber vermutlich viel mehr zu tun mit der Farbigkeit des „Concord Matratzenlagers“ auf der anderen Straßenseite, das durch jene echten Fenster leuchtet, welche Lanzenstiels Fenster gegenüber ergänzen.

Und die horizontalen Linien jeglicher Stärke: sind dann vielleicht lesbar als eine Chronik der draußen vorüberziehenden Fahrzeuge, vor allem der LKW, mit ihren in der Geschwindigkeit verwischenden Werbeschriftzügen…

Wenn darüber hinaus auffällt, daß Lanzenstiels Wandmalerein, bei aller Offenheit, so hartnäckig zum Boden hin abgegrenzt sind, dann läßt sich das beziehen auf den kleinen Raumteiler aus Elke Mohrs Installation. Ein niedriges, nunja, Brett oder Mäuerchen aus Styropor, trennt wirkungsvoll den Vorraum vom Hauptraum. Der Vorraum ist am Boden grün gestrichen, und mit diesen beiden reduzierten Eingriffen entsteht eine beklemmende Ahnung von jenen akkuraten bis sterilen Vorgärten, die Mohr bei ihren Wahrnehmungsspaziergängen durch Pasing fasziniert haben. Es ist ein anderes Pasing als bei Simone Lanzenstiel, nicht das Pasing der postapokalyptischen Landsbergerstraße, sondern das kleinbürgerliche Pasing der Vorgärten, die in ihrer Künstlichkeit oft den Dekorationsinszenierungen der Gartenabteilung von Baumärkten nichts nachstehen. Die pseudoantiken Säulchen, die tonfarbenen Plastikkübel, die klar abgrenzenden Heckengewächse und Gußeisenzäune, die Gußsteinmäuerchen und rechtwinklig gepflanzten Bodendecker: mit einfachsten inszenatorischen Mitteln erweckt Mohr den ganzen Schrecken dieser vorhöllischen Vorgärten. Das Draußen wird zum Drinnen und die Grenzen fragil. Daß ihre kargen Materialien aus dem gleichen Baumarkt stammen, dem viele Pasinger Vorgartengestalter auch ihre Ausgangsstoffe verdanken: das ist eine bezaubernde Ironie.

Und daß eine Kritikerin vor kurzem eine Reihe junger Münchner Künstler als sich eben dort bedienende „Generation Baumarkt“ apostrophierte – das wird hier in einer weiteren, noch bezaubernderen Volte der Ironie nonchalant aufgegriffen – und widerlegt.

Denn der Baumarkt ist der Baumarkt, also zunächst nichts als das, was Heidegger das „Zuhandene“ nennt. Was man damit macht, ist eine ganz andere Frage.

Und was die verschiedenen Reinigungskräfte im Hof der Cité des arts machen, und worauf die chinesischen Touristen warten und wieso dort alles genauso seltsam ist wie hier, das soll sich der Betrachter selber erschließen.

St. Chardonnay mag ihn dabei inspirieren.

Vor allem aber: hoffen wir auf eine angeregte Diskussion über Dinge hier und dort und auf seltsames Verhalten. Hier und immerdar, das heißt, demnächst in der Gabelsberger Straße.

(Peter T. Lenhart)