Vortrag zu „Drei Sonnen“

Drei Sonnen

Barbara Spaett:
Drei Sonnen

Guten Abend – und:
Gute Nacht

Fremd bin ich eingezogen / fremd zieh‘ ich wieder aus.
– und anschließend wieder ein, möchte man sagen. Denn Barbara Spaett war ja erst vor kurzem als Teilnehmerin der Gruppenausstellung „Nacht und Wald“ in diesen Räumen vertreten. Und vor zweieinhalb Jahren, im Mai 2004, auch schon in den alten Räumen der Galerie, in Pasing.
Ich träumte von bunten Blumen, / So wie sie wohl blühen im Mai;
Ich träumte von grünen Wiesen, / Von lustigem Vogelgeschrei.
Und als die Hähne krähten, / Da ward mein Auge wach;
Da war es kalt und finster, / Es schrien die Raben vom Dach.

War die damalige Ausstellung, die sie kongenial mit Heribert Heindl entwickelte, noch von einer nachgerade heiteren Lust am Spiel mit Form, Farbe und Raumverhältnissen geprägt, kommt die heute zu eröffnende Ausstellung doch deutlich spröder, puristischer daher: eine Reihe von Skulpturen ohne direkten Raumbezug, mehrheitlich sehr klassisch auf Sockeln in Szene gesetzt, die Wände unangetastet. Mit Ausnahme einer Sprayarbeit, welche allerdings tatsächlich als Ausnahme in diesem Fall wirklich die Regel zu bestätigen scheint. (Es ist wie in Mel Brooks Stummfilmkomödie „Silent Movie“: gerade dadurch, dass im gesamten Film genau doch ein einziges Wort gesprochen wird – und das ausgerechnet durch Marcel Marceau – wird der Film um viel mehr zu einem Stummfilm, als es die historischen Stummfilme je waren…)

Doch an den Fensterscheiben, / Wer malte die Blätter da ?
Ihr lacht wohl über den Träumer, / Der Blumen im Winter sah ?

Barbara Spaett setzt sich in der Ausstellung jedenfalls anhand bzw. entlang ihrer Skulpturen mit kulturellen und gesellschaftlichen Illusionen und Idealbildern, Aufladungen und Verzeichnungen auseinander, ebenso wie mit der Möglichkeit von deren Brechung und Dekonstruktion.

Als titelgebende Leitmetapher dient ihr dabei das Phänomen der Halos bzw. Halogone: einer meteorologischen Erscheinung, die sich der Brechung des Lichts an Eiskristallen verdankt, wie sie in hohen Cirrus- oder Cirrostratuswolkenfeldern vorkommen. Je nach Stand der Sonne und den genauen Formen und Anordnungen der Eiskristalle können die Halos unterschiedliche Erscheinungsbilder zeigen. Während sich der häufigste Halotyp als einfacher Lichtring um die Sonne darstellt, gibt es auch das Phänomen der sogenannten Nebensonnen, der Parhelia, bei dem es aussieht, als befänden sich neben der Sonne ein oder zwei weitere, aber schwächere Sonnen…

Solche Erscheinungen sind seit der Antike immer wieder aufgezeichnet und überliefert worden und sorgten seinerzeit für großes Erstaunen, ja, sie wurden regelmäßig als metaphysische Wunderzeichen angesehen: in Plinius „Historia Naturalis“ verkündeten die drei Sonnen Augustus großen Ruhm, und im China der Chin-Dynastie (635) offenbarten sie Verschwörungen von Ministern und Beamten. Spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Einblattdrucke dokumentieren zahlreiche solcher Phänomene, als Vorzeichen von Kriegen, Hungersnöten, Seuchen, Verbrechen und Naturkatastrophen; als göttliche Warnungen oder als Teufels- bzw. Hexenwerk.
Unserer agnostischen Epoche sind sie nur noch ästhetisch reizvolle, aber ansonsten profan meteorologisch-optisch erklärbare Erscheinungen.

Ein schönes Beispiel dieser Sichtweise gibt es in einer Geschichte von Arno Schmidt, in der der Erzähler und seine Begleiterin bei einer nächtlichen Fahrradfahrt auf einmal das analoge Phänomen eines Nebenmondes gewahren:
„Aufderchausseewieder : wir waren sehr überrascht, das Bild des Mondes doppelt zu sehen ! / Wir riefen uns sofort gegenseitig an : er stand ungefähr im letzten Viertel, etwa 50 Grad über dem Horizont, in Südwest zu West, ungefähr in 45 Grad Neigung, gegen den Horizont, 1 an Größe ihm völlig gleiches, nur nicht ganz so helles, Nebenbild ! Die Ränder beider Scheiben berührten sich. Der Himmel war jetzt ganz mit dünnem Florgewölk überzogen; und ich glaubte deutlich wahrzunehmen, dass bei vorüberziehendem dichteren Gewölke das Nebenbild nicht in eben dem Grade an Licht verlor, als der Mond selbst. (Was mir für die Entstehung des Bildes in den niedrigsten Wolkenschichten zu sprechen schien : ?). / Meine Teufelin wunderte sich über gar nischt mehr. Murmelte nur etwas á la <WASERWOHLWIEDERVORHÄTTE ?>. – Ich ermahnte sie, unwillig, sich zu wundern ! – Sie wunderte sich.) –“

Doch nicht nur die heutigen Nebenmonde und Nebensonnen fallen der rationalistischen Entzauberung anheim. Sogar rückblickend werden Zeichen und Wunder geschleift und planiert, wenn etwa das himmlische Kreuzzeichen des Kaisers Konstantin, vor der Schlacht an der Milvischen Brücke 312, oder sogar die Offenbarung des Johannes als fehlgedeutete Haloerscheinungen gelesen werden.
Nachdem aber die erste Erklärung der Halophänomene als Produkt aus Sonnenstrahlen und Eiskristallen in hohen Atmosphärenschichten erst Mitte des 17. Jahrhunderts von René Descartes formuliert wurde: sind solche Dekonstruktionsversuche genau so fragwürdige Anachronismen wie jener, den der Wissenschaftstheoretiker Bruno Latour einmal so luzide formuliert hat: „Wie kann Ramses II. vor 3000 Jahren an Tuberkulose gestorben sein, wenn der entsprechende Bazillus erst 1882 von Robert Koch entdeckt wurde?“

Aber auch bei Schubert, auf dessen 23. Lied der Winterreise sich der Ausstellungstitel von Barbara Spaett bezieht, sind die Nebensonnen schon lange kein Wunderzeichen mehr, sondern ein Naturphänomen, das vom lyrischen Ich kontempliert wird, aber nur in Bezug auf die eigene Situation, als rein säkulare Metapher.

Drei Sonnen sah ich am Himmel steh’n, / Hab‘ lang und fest sie angeseh’n;
Und sie auch standen da so stier, / Als wollten sie nicht weg von mir.
Ach, meine Sonnen seid ihr nicht ! / Schaut ander’n doch ins Angesicht !
Ja, neulich hatt‘ ich auch wohl drei; / Nun sind hinab die besten zwei.
Ging nur die dritt‘ erst hinterdrein ! / Im Dunkel wird mir wohler sein.

Wobei es auf interessante Weise uneindeutig ist, worauf die Metapher der drei Sonnen hier genau abzielt. Und indem der Ausstellungstitel genau diesen Liedanfang zitiert, deutet er auch auf eine explizit politische Dimension der Thematik.

Denn der Textdichter, der Dessauer Schriftsteller Wilhelm Müller, war nun beileibe nicht nur ein romantischer Natur- und Liebesschwärmer. Sondern ein für damalige Zeiten ziemlich fortschrittlich gesinnter Kopf, der von Lord Byron beeinflusst mit dem Unabhängigkeitskampf der Griechen sympathisierte und den verlorenen Idealen der französischen Revolution hinterhertrauerte; der unter dem repressiven und reaktionären System Metternich litt und dessen Schriften immer wieder von den nach den Karlsbader Gesetzen allmächtigen und allgegenwärtigen Zensurbehörden verändert und verboten wurden. Müller (der streng genommen eigentlich weniger ein zu später Romantiker als ein verfrühter Vertreter des Vormärz war) konnte also kaum offen bzw. öffentlich von dem sprechen, was ihn bewegte und war also gezwungen, das eigentlich gemeinte stets zu codieren und also auf mindestens zwei Bedeutungsebenen zu operieren. So darf man davon ausgehen, dass auch jene Gedichte „aus den nachgelassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten“, die Schubert nach Müllers Tod vertont hat, doppelt zu lesen sind und dass in ihnen, unterhalb der Thematik von verlorener Liebe und Einsamkeit, von Winter und Naturerleben, auch eine politische Bedeutung mittransportiert wird – welche von Müllers gleichgesinnten Zeitgenossen decodiert werden konnte, während die Zensurbehörden idealiter an der poetischen Oberfläche hängen blieben.

Um beim hier genannten Beispiel zu bleiben: die Sonnen, die der Protagonist des Gedichts „neulich“ noch hatte und von denen jetzt die besten zwei perdu sind – das mögen zunächst durchaus die reale Sonne und – verloren – die zwei strahlenden Äugelein der signifikanten Anderen sein; das mögen weiters allegorisch Glaube, Hoffnung und Liebe sein. Das sind aber, so kann man mit guten Gründen annehmen, zugleich auch Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit; und Brüderlichkeit war ja tatsächlich alles, was bestenfalls und privat übrig geblieben war. Freiheit und Gleichheit waren im Metternichschen Regime gefürchtet und gebannt.

Und eingedenk jener repressiven Restaurationszeit, in der liberale bis revolutionäre Ansichten nur in stark codierter Form, und oberflächlich als Natur- und Liebeslyrik anmutend, geäußert werden konnten, geht es Barbara Spaett nicht zuletzt darum, wie denn analog heute mit poetischen Mitteln der bleierne common sense des Zeitgenössischen zu durchbrechen wäre. Das Poetische wird hier nicht, wie sonst gerne, verstanden als mehr oder weniger eskapistische Strategie, sondern als Möglichkeit, im wörtlichen Sinne Sub-version zu betreiben, als kultureller Kassiber, mit dem widerständige Ideen in einen Kontext eingeschmuggelt werden können, der normalerweise nichts von solchen Dingen wissen will.

Um diese, Spaetts Strategie ernst zu nehmen, musste ich mir auch versagen, über die Arbeiten im Einzelnen zu sprechen. Die Subversionskraft und das Durchschlagsvermögen des Poetischen verpuffen da, wo paratextuell zu viel erklärt wird. Die Vereindeutigung und Enträtselung zöge der großen, zugleich heroischen und selbstironischen Gestik, die Barbara Spaett beherrscht wie kaum eine zweite, tendenziell den Stachel. Statt dessen endige ich, wie ich begonnen habe. Mit Schubert bzw. Müller. Aber mit einem Ende.

Drüben hinterm Dorfe / Steht ein Leiermann
Und mit starren Fingern / Dreht er was er kann.

Barfuß auf dem Eise / Wankt er hin und her
Und sein kleiner Teller / Bleibt ihm immer leer.

Keiner mag ihn hören, / Keiner sieht ihn an,
Und die Hunde knurren / Um den alten Mann.

Und er läßt es gehen, / Alles wie es will,
Dreht, und seine Leier / Steht ihm nimmer still.

Wunderlicher Alter ! / Soll ich mit dir geh’n ?
Willst zu meinen Liedern / Deine Leier dreh’n ?

Peter T. Lenhart