St. Lindls Barocke Nomoi

Barocke Nomoi

Das Spiel, die Regel, die Symmetrie. Wissen über das Zeitalter des Barocks wird von adeligen und kirchlichen Eliten bewohnt, die es überaus liebten sich hinter Masken zu verbergen, die es liebten zu spielen, die es liebten zu regeln und alles, auch sich selbst, Gesetzmäßigkeiten unterwarfen. Der barocke Garten ist nicht die Natur, sondern die Beherrschung der Natur, die Zivilisation der Wildnis.
Zivilisiert wurde Wildnis, als Max Emanuel 1715 die Weisung gab, den Hirschjagdpark anzulegen. Er wurde als Erweiterung des Schloßparks von Nymphenburg durch einen Zaun gefaßt. Mit diesem Akt des Einzäunens wurde aus einem Gelände ein Garten, ein großer Garten, ein Park, der sehr waldreich war. Er umgriff Schlösser, aber auch Dörfer, deren Bewohner zu einem Teil des Parks wurden. Sie waren also nicht mehr einfach nur Bewohner irgend eines Dorfes, sondern eine Art belebter, barocker Parkfiguren oder animierter Gartenzwerge – Accessoire eines Parks. Niemand blieb, wie er war, als der Zaun um dieses Gelände gezogen worden war, jeder Bewohner bekam eine neue Rolle und einen neuen Sinn aufgebürdet. Ähnlich wie in Duchamps „Ready Mades“ wurde durch einen kleinen Akt, eine völlig neue Seinsebene der Dinge und Menschen erschaffen. Das Pissoire, aufgehängt in der Kunstausstellung, trägt mehr Bedeutung als das funktionale Pissoire im Nebenraum der Gaststätte. Die Bauern eines Dorfes werden aus ihrem Bauerndasein in eine andere Umlaufbahn, die eines Erlebnisparks, geschossen. Werden zu plüschigen Disneyland-Figuren, zu Darstellungen ihrer selbst. So wie das Pissoire Duchamps zu einer Darstellung seiner selbst wurde. Die Bewohner, die Dörfer, die Natur wurden repräsentiert. Jede Darstellung ist eine Übertragung, eine regel-mäßige Übertragung eines Systems in ein anderes.

Darin steckt der Grundgedanke der „Barocken Nomoi“. Der Hirschjagdpark regelte und dominierte „Natur“, die aus Wald, Dorfgesellschaften, der Hofgesellschaft, Tieren, Pflanzen bestand. Die Beherrschung der Natur, der eine barocke Gartenanlage Ausdruck verleiht, ihre Dominanz der Regeln gegenüber dem Gewachsenen, dem Einzigartigen setzt „Barocke Nomoi“ in mehreren relationalen Darstellungen um.

Die Gesellschaft innerhalb der Ausstellung wird starren Regeln unterworfen. Kamen die Betrachter als Individuen in die Ausstellung, so werden Regel-kollektivierte Darstellungen ihrer Selbst aus ihnen, sobald sie den Ausstellungsraum betreten. Denn das Ausstellungskonzept dominiert die Betrachter. Läßt ihnen keine Wahl, zwingt sie in Positionen, schreibt ihnen Habitus zu, drängt sie in Spielregeln des Betrachtens und Wahrnehmens, die ihnen der Autor dieser Regeln aufzwängt. Sie unterliegen Nomoi – Gesetzen – und werden zu Spielfiguren dieser Gesetze. „Barocke Nomoi“ ist das kurzfristige Ende des Individualismus und vermittelt relational die Macht des Kollektiven einer vergangenen Epoche.

Stefan Lindl