Splendor Solis oder Sonnenglanz

Berhold Reis
Anne Rößner


am 18. 3. 2005, 20 Uhr

„Splendor Solis“ ist der Versuch, jenen eigentümlichen Begriff der Sinnlichkeit, der oftmals naiv mit der Malerei verknüpft wird, kritisch zu befragen, indem man ihn konfrontiert mit einer voraufklärerischen Auffassung von Naturwissenschft, die sich ebenfalls durch eine stark „sinnliche“ Auffassung der äußeren Natur auszeichnet.Im Denken der Alchimie erscheinen die Elemente personifiziert, ein geheimer Zusammenhang zwischen den natürlichen Elementen und vor allem zwischen Mensch und äußerer Natur wird vorausgesetzt. Ein Zusammenhang, dessen Geheimnis gelöst werden kann und soll; indem er die Allegorie endlich auflöst, die Chiffren übersetzt, erscheint der Mensch als der Vollender der Natur.Die Engführung zwischen dem voraufklärerischen Wissenschaftsbegriff und dem genannten, tendenziell nach- oder gar gegenaufklärerischen Begriff von Malerei vollziehen Anne Rößner und Berthold Reiß mit zwei unterschiedlichen Ansätzen – und zwei unterschiedlichen Möglichkeiten des Scheiterns.Anne Rößner bezieht sich sehr direkt auf die alchimistischen Bild- und Lebenswelten: sie benennt in ihren Bildern direkt, sozusagen wörtlich, Bilder, mythologische Figuren oder dunkel anmutende Lehrsätze aus alchimistischen Schriften, ergänzt durch Abbildungen von alchimistischen Gerätschaften etc.
Bei aller Direktheit der Repräsentation liegt allerdings ein befreiender performativer Widerspruch in ihren Bildern – ist der stark persönliche, „handschriftliche“ Malduktus doch Ausdruck einer Idee von Persönlichkeit, die eine genuine Hervorbringung der Moderne ist, und somit ein durchgehend querliegender Bruch mit der Weltsicht der alchimistischen Epoche.

Berthold Reiß hingegen verzichtet auf direkte Referenzen, ebenso wie seine Bilder auf eine sichtbare Handschrift verzichten. Aber gerade die offensive Distanz und Objektivität, die seine Bilder in ihrer Akuratesse behaupten, das Hintanstellen von Fragen der (sichtbaren) Autorschaft, die scheinbare Irrelevanz des ausführenden Subjekts für den Zusammenhang zwischen Darstellung und Dargestelltem, lassen sich auch beziehen auf vormoderne Vorstellungs- und Bilderwelten, bei denen noch keinerlei Zweifel waren, wie die Dinge zu benennen seien. Man mag da an die strengen ikonographischen Konventionen denken, die die Kunst (vor allem die christliche) über Jahrhunderte bestimmten, aber ebenso an alchimistische Vorstellungen wie die einer „objektiv“ gegebenen Lebenskraft und andere unbewiesene aber unhinterfragbare Grundannahmen.
Eine direktere Analogie könnte man zwischen der Arbeitsweise Reiß‘ und jener der Alchimisten ziehen: die Weise, wie Reiß die in der Welt vorhandenen Zeichen bzw. Zeichenelemente betrachtet – als tendenziell autonome, von ihren Urhebern und Verwendungszusammenhängen loslösbare und teils schon losgelöste Grundbausteine der Kultur -, sammelt, rekombiniert und dabei verwandelt, ähnelt bisweilen verblüffend der alchimistischen Praxis und ihren Permutationen.

Peter T. Lenhart