owe muoter,waz is got?

Anne Rößner
Berthold Reis


16.4. – 7.5.2004

„owe muoter, waz ist got?“: „Ei, Mutter, was ist Gott?“, diese Frage stellt der junge Parzival in Wolfram von Eschenbachs höfischem Epos seiner Mutter. Und diese erklärt ihm Gott als den, der der Menschen Antlitz angenommen hat, der das Licht ist und der der Welt und den Menschen stets treu ist und Hilfe und Gnade bringt. Im Gegensatz zu jenem schwarzen Höllenwirt, der Untreue und Finsternus bedeutet.Mit dieser Frage nimmt die gesamte Handlung und Dramatik im „Parzival“ unumkehrbar ihren Lauf. Denn der Junge begegnet im Wald einigen Rittern, hält diese zunächst für Gott – wegen der glänzenden, lichten Gestalt – und beschließt, nachdem man ihn aufgeklärt hat, selbst Ritter zu werden. Sehr zum Mißfallen seiner Mutter, die die Witwe eines im Kampf gefallenen Ritters ist, und die deshalb ihren Sohn unter allen Umständen von diesem Weg fernhalten will. Parzival ist jedoch vom Ideal des Rittertums derart begeistert, dass er dennoch loszieht um an König Artus Hof ein Ritter zu werden. Als er geht stirbt seine Mutter vor Gram und auch im folgenden pflastern Torheiten und Mißgeschicke seinen Weg.Bis dahin, daß er durch Zufall auf die legendäre Gralsburg stößt: eine Burg, „Inbegriff aller irdischen Vollkommenheit. Aber wer die auch noch so eifrig sucht, er wird sie leider nicht finden. Dennoch sieht man viele Menschen sich darum bemühen. Ohne Absicht nur kann es geschehen, daß einer die Burg findet.“ Auf dieser Burg, welche Munsalvaesch heißt, also etwa „Berg der Rettung/Erlösung“, bewahrt man den Gral: „die Vollkommenheit des Paradieses, Wurzel und Reis zugleich; es ging über alle irdische Vollkommenheit noch hinaus.“ Das klingt zunächst ziemlich jenseitig und transzendent, ist aber in Wahrheit durchaus konkret und weltlich gedacht: die Wirkung des Grals, die Wolfram am ausführlichsten beschreibt, ist die Hervorbringung großer Mengen erlesener Speisen und Getränke, dem Schlaraffenland nicht unähnlich. Der Gral und die Gralsburg sind also eine konkrete Utopie, ein Ort auf Erden, an den man nur gelangen müßte, um ein glückliches Leben ohne materielle Not und in ewiger Jugend leben zu können.

Dummerweise versäumt es Parzival jedoch, wenn er schon mal da ist, wo alle hinwollen, sich richtig zu verhalten, und die Burg verschwindet wieder. Erst danach wird ihm sein Fehler klar, und fortan gilt sein ganzes Streben dem Wiederfinden von Munsalvaesch…

So führt die reichlich große Frage „waz ist got?“ zur zwar schwierigen, aber konkreteren Suche nach dem Gral, d.h. bei Wolfram also letztlich zur Suche nach dem irdischen Utopia, nach dem guten Leben.

Auch bei Anne Rößner und Berthold Reiß ist die Frage nach Gott weniger theologisch gemeint. Bei Reiß ist Gott eher zu verstehen, als ein universelles, ordnendes, sinnerzeugendes Prinzip, das hinter allen Dingen steht – im Sinne von Pascals „Dieu des Philosophes“…

Anne Rößner hingegen nimmt auf die Frage eher mittelbar Bezug, und beschäftigt sich statt dessen mit dem Kontext in dem die Frage gestellt wird: mit Wolframs Erzählung bzw. mit Welt und Weltbild des hochmittelalterlichen Rittertums. Rößners Bilder lassen sich tatsächlich illustrativ auf die Gottes- und Gralssuche des Toren Parzival beziehen, insbesondere die Serie von stark expressiven „Grisaillen“ mit standbildhaften Szenen, die Gedanken an Einsamkeit, Minne, Anbetung, Suche, Rast evozieren; das ganze oft in ornamentalen Architekturrahmen, die an Buchmalerei erinnern. Eindeutig wird der Bezug auf die Handlung des Parzival allerdings nur in einem Bild: eine Frau versucht einen Jungen von Schwert und Schild, Insignien des Rittertums schlechthin, fernzuhalten – der Aufbruch des Parzival an König Artus Hof.

Ansonsten sind die Bilder allerdings – wenn man sich die Kontamination durch das titelgebende Zitat wegdenkt – deutlich interpretationsoffener: da könnten sie auch die ritterliche Lebenswelt im Allgemeineren illustrieren wollen – oder eine andere Rittererzählung. Ja, wenn man sich etwas Mühe machte, könnte man vermutlich die ganze, berühmte Sammlung von Ritterromanen, die der Landjunker Don Quijote aus der Mancha verinnerlicht hatte, auch recht trefflich mit Rößners Bildern illustrieren. Vor allem aber illustrieren Rößners Bilder die Erzählung, die je individuelle Erzählung, die sie im Kopfe der Betrachter selbst auslösen. Denn auch der Betrachter, der mit Wolframs Parzival nicht vertraut ist, wird vermutlich aus den Bildern eine Erzählung lesen. Die Bilder besitzen also gewissermaßen eine illustrative Qualität in doppelter Hinsicht: zum einen wenn man sie konkret auf den Parzival bezieht, zum anderen in ihrer Suggestivität, die nicht nur die Erzählung „erhellt“, sondern vielmehr auch das erzählerische Potential des Menschen überhaupt, der sich unwillkürlich auch seine je eigene Erzählung zu den Bildern macht. Der Mensch als „homo narrans“, und als Narratiophage, der von sinnstiftenden Erzählungen und in Erzählungen lebt.

In der Anthropologie von Berthold Reiß ist der Mensch hingegen eher ein „animal symbolicum“, wie Ernst Cassier es ausdrückt. Der Mensch ist eingesponnen in ein selbstgeschaffenes Bedeutungsgeflecht. Das Be-deutende ist das Zeichen. Und das universelle, allem zugrunde liegende Prinzip, aus dem Reiß die Welt erklärt ist eben das Zeichen. Allerdings kein bestimmtes Zeichen und keine bestimmte Klasse von Zeichen: „Alles kann benutzt werden“, wie Berthold Reiß einmal in einem Interview sagte. Er arbeitet mit Fundstücken: Er findet, sammelt Zeichen, Piktogramme, Logos und Ikonen aus allen Bereichen unserer Lebenswelt, die er dann in seinen Bildern analytisch reformuliert und rekombiniert, mit großer malerischer Akuratesse. Die Zeichen werden nebeneinandergestellt und gewinnen so neue Bedeutungen, zeichentheoritisch gesprochen, neue Konnnotationen. Nebeneinander sind die Zeichen tatsächlich auch in technischer Hinsicht: nicht auf einen Hintergrund aufgemalt, sondern jeweils ausgespart und immer direkt auf das Papier gemalt. Sogar die Farben stoßen unverbunden aneinander, bleiben einander äußerlich wie die einzelnen Zeichenelemente. Erst der Betrachter setzt zusammen, was vielleicht oder vielleicht eher nicht zusammengehört. Ein abstraktes Ornament kann wie auf der Einladungskarte zur Frisur einer stehenden menschlichen Figur werden. Wie eine Frisur fungieren auch hier drüben die Palmetten, allerdings aus der streng symmetrischen Anordnung in der die Antike sie kannte herausgelöst. Die gleichen Elemente bilden rechts die Standfläche für eine angedeutete Säule, links dienen sie als Schmuckrahmen, an den widerum das Bild eines Vogels angedockt ist. Der Zweig, den der Vogel hält ähnelt wiederum den Palmetten und das kleine grüne Eck auf dem Vogelbild enthält – wenn wir es anklicken würden – vermutlich noch weitere Variationen des Themas. Und sind die dicken, schwarzen Stränge, die die Büste mit den seitlichen Elementen verknüpfen ein Hinweis darauf, daß wir eben stets nur über die Zeichen und die Ornamente mit der Außenwelt in Verbindung stehen? Berthold Reiß Bilder inspirieren zu vielen Fragen – aber sie beantworten sie dankenswerterweise nicht. Was auf den ersten Blick oft wie eine bedeutungsgeladene und eindeutig decodierbare Botschaft aussieht, vielleicht sogar wie eine Allegorie, ist eben nicht eins zu eins zu entschlüsseln. Sondern sollte eher Anlaß sein, uns über die Natur der Zeichen, die Art der Zusammenhänge zwischen dem Zeichen und seinem Bezeichneten und der Zeichen untereinander Gedanken zu machen.

“ Oh weh, Mutter – was ist denn jetzt Gott?“ Berthold Reiß Antwort ist die eines Phänomenologen. Phänomenologie ist wörtlich übersetzt die Lehre vom Erscheinenden. Indem er eine große Zahl von Erscheinungen – Phänomenen – betrachtet und vergleicht, hofft der Phänomenologe, zu einer Erkenntnis des nicht erscheinenden Wesens hinter den Erscheinungen zu kommen. So ähnlich kann man Reiß Arbeitsweise sehen. Er betrachtet, vergleicht, kombiniert, addiert und subtrahiert Zeichen aus allen möglichen Zusammenhängen – aber nie um des einzelnen Zeichens willen, sondern um etwas über Zeichen und ihre Funktionsweise überhaupt herauszufinden. Jedes Bild ist quasi ein neues wissenschaftliches Experiment im Dienste dieser zentralen Fragestellung. Die einzelnen Bildelemente mögen hochgradig mit Bedeutung aufgeladen sein oder „nur“ Ornament, mögen aus der Vergangenheit oder Gegenwart stammen, aus der Hochkultur oder aus einer Gebrauchsanweisung. Berthold Reiß stellt in seiner quasi enzyklopädischen Phänomenologie des Vorgefundenen, Kleinen und scheinbar Unbedeutenden letztlich das Große und Ganze dar. Der liebe Gott steckt ja, wie Aby Warburg meinte, im Detail.

(Peter T. Lenhart, 2004)