null staaten

Fotografien von Maximilian Erbacher
dazu Filme von Roland Bauer, Ralf Bücheler/Kathrin Lindauer,
Antje Knapp, Maximilian Erbacher.


6.2. bis 27.2.2004
Roland Barthes hat die Fotografie einmal als etwas „Gewesenes“ definiert – in diesem Sinne werden die Fotografien der Arbeit „null staaten“ von Maximilian Erbacher dem Medium in ganz besonders hohem Maße gerecht. Sie zeigen in einer sorgfältigen und umfassenden Bestandsaufnahme die Autobahngrenzen der Bundesrepublik Deutschland zu ihren Nachbarstaaten: Österreich, Frankreich, Luxemburg, Belgien, die Niederlande und Dänemark. Die einsamen, menschenleeren Fotografien dokumentieren etwas „Gewesenes“, nämlich die Grenzanlagen, an denen lange Zeit der Verkehr zwischen den benachbarten Staaten kontrolliert wurde. Mit dem Inkrafttreten des Schengener Durchführungsübereinkommens, vulgo auch „Schengen II“ genannt, haben diese gebauten Symbole von Macht, Kontrolle und nationalstaatlicher Souveränität ihre Funktion und Bedeutung verloren und können seitdem sowohl für den Prozess der europäischen Einigung stehen, wie gleichzeitig nostalgisch für das Verschwinden der kleinräumigen, konkret greifbaren Ordnung mit der wir lange gelebt haben. Diese Anlagen, durch die der ordnungspolitische Vorgang des Grenzübertritts nurmehr ästhetisch inszeniert wird, bilden ein museales Ensemble, eine Landschaft aus „Nicht-Orten“ (M. Augé), die zwar noch vertraut erscheinen, jedoch durch die hohe Geschwindigkeit ihrer Passage seitdem seltsam diffus geworden sind.Auf Erbachers ruhigen, distanzierten Fotografien erscheinen die riesigen Anlagen nicht mehr Ehrfurcht sondern Mitleid einflößend, niemand muß mehr anhalten, keine Pässe werden vorgezeigt, keine Kofferräume gefilzt… Herabgelassene Rollos, blinde Fenster, verschlossene Türen. Für Deutschland, Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande war Schengen II am 26. März 1995 in Kraft getreten, für Österreich am 1. Dezember 1997. Die meisten der Anlagen standen zum Zeitpunkt der Dokumentation bereits jahrelang leer, aber selbst die Anlagen in Ellund/Flensburg, die erst wenige Tage vor Erbachers Besuch mit dem Inkrafttreten von Schengen II für Dänemark stillgelegt wurden, atmen schon ganz die selbe Tristesse. Dieses nostalgischen Reflexe, die die Fotografien auslösen, werden noch verstärkt, wenn man sich vor Augen hält, daß die Anlagen in Walserberg und Kiefersfelden bereits komplett zurückgebaut sind. Die sichtbaren „lieux de memoire“ verschwinden, werden demontiert, aber die Bilder des unbestechlichen Chronisten fixieren die Erinnerung an das „Gewesene“.

(Gleichzeitig darf man diesen Rückbau sicher getrost ebenso als einen Akt symbolischer Politik begreifen: genau die Absenz der konkreten und gewohnten Grenzmarkierung fungiert als Signifikant und verweist – deutlicher als dies ein tatsächliches „Denkmal“ könnte – auf das abstrakte und noch ungewohnte Signifikat der Freizügigkeit innerhalb der Europäischen Union).

„Der Name des Noemas [Sinngehaltes] der PHOTOGRAPHIE sei also: ‚Es-ist-so-gewesen‘ oder auch: das UNVERÄNDERLICHE. Im Lateinischen (eine Pedanterie, die notwendig ist, da sie Nuancen enthält) hieße dies zweifellos: ‚interfuit‘: das, was ich sehe, befand sich dort, an dem Ort, der zwischen der Unendlichkeit und dem wahrnehmenden Subjekt (operator oder spectator) liegt; es ist dagewesen und gleichwohl auf der Stelle abgesondert worden; es war ganz und gar, unwiderlegbar gegenwärtig und war doch bereits abgeschieden. Das alles ist in dem Verb intersum enthalten“ (Roland Barthes: Die helle Kammer, S. 87)

Wenn man, um bei den lateinischen Pedanterien zu verweilen, das aus der Feststellung ‚Es-ist-so-gewesen‘ gewonnenene Verb ‚interfuit‘ nun in seinen Infinitiv setzt, so landet man beim Inter-esse. Erbachers Erkenntnisinteresse ist offensichtlich zunächst das eines Archäologen: Er dokumentiert so genau und sachlich wie möglich die sachkulturellen Zeugnisse einer vergangenen oder untergegangenen gesellschaftlichen Formation. Daß zwischen dem Forscher und seinem Objekt in diesem Fall nur wenige Jahre liegen, macht in der Sache keinen Unterschied. Daß er auch den Weg der Erkenntnis und den Forschungsprozeß und seine Methoden transparent macht, zeichnet den glaubwürdigen, seriösen Forscher aus. Freundlicherweise gewährt Erbacher Einblick in seine Skizzen, Tagebücher, Notizen und Bildmaterialien. Und der Film „An manchen Orten“ schließlich stellt so etwas wie ein videographisches Feldtagebuch dar; das Feldtagebuch einer Expedition an die Ränder der Republik, für die er in einem ausrangierten Taxi in drei Wochen über 10.000 Kilometer zurücklegte.

Das ist das vordergründige Interesse: ein archäologisch-dokumentarisches.

Vielleicht ein nostalgisches. Es gibt Wissenschaftszweige, die leben auch vom „Retten und Bewahren“ nicht ganz schlecht.

Das interessantere Interesse ist aber das politische. Daß einer an diesen normalerweise durch die Geschwindigkeit zur vorbeiflackernden Belanglosigkeit reduzierten Wegmarken im Kontinuum des Autobahnraumes anhält; aussteigt; ein Motiv auswählt; einen Ausschnitt; fokussiert; abbildet: das ist politisch, indem es die Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, das in unserem Alltagsleben eigentlich gar keine Rolle mehr zu spielen scheint. Grenzen. Im Zuge der europäischen Einigung, im Zuge von Schengen, sind die Grenzen gefallen. Europa, einig Vaterland wird regelmäßig in wohlgesetzten Sonntagsreden proklamiert oder wenigstens gefordert. Frei und unbehelligt gleiten wir auf den grauen Bändern mit grünen Rändern in Hochgeschwindigkeit von Land zu Land (höchstens die lästigen Tempolimits und Mautgebühren im Ausland ernüchtern den reisenden/rasenden Deutschen und machen ihm bewußt, daß er Deutschland einig Vaterland verlassen haben muß).

Tatsache ist jedoch, daß im Zuge von Schengen II lediglich die sichtbaren Momente der Grenzregimes verschwunden sind. An ihre Stelle traten und treten zunehmend unsichtbare und vor allem enträumlichte Kontrollmechanismen. Vermittels der phantomhaften Schleierfahndung, umfänglicher Videoüberwachung und demnächst des neuen bildbasierten Mautsystems etc. fressen sich die Grenzregime schleichend immer weiter von den Grenzen in die Mitte der Länder hinein. Deutliche und sichtbare Grenzanlagen gibt es dafür an den Außengrenzen der europäischen Union; das gehört auch zur neuen Schengener Freizügigkeit. Die „Festung Europa“ ist hermetisch abzuriegeln, damit das Gesindel draußen bleibt. Hohe Zäune, starke Patrouillen, strikte Visumsregeln, erkennungsdienstliche Behandlung, Küstenbewachung beinahe wie am Atlantikwall selig…

Das ist aber kein genuin europäisches Phänomen. Der dräuende Einbruch der depossedierten oder verfolgten Massen aus der zweiten oder dritten Welt muß an vielen Fronten abgewehrt werden. Zwischen Israel und Palästina entsteht nach wie vor eine als „Grenzzaun“ verniedlichte Mauer, zweieinhalb Meter und oben Stacheldraht, trotz einer Verurteilung durch die UN-Vollversammlung. An ähnlichem baut auch Saudi-Arabien an seiner Grenze zum Jemen. An der Südgrenze der USA wächst die Mauer ebenfalls und erinnert den europäischen Touristen doch stark an die deutsch-deutsche Vergangenheit. Der einzige Unterschied scheint zu sein, daß hier die Leute draußen gehalten werden sollen, während es dort umgekehrt war. Es scheint, als habe sich die Grenze dessen, was für einen aufgeklärten Staat schicklich ist, verschoben, nachdem man sich nicht mehr moralisch vom sogenannten real existierenden Sozialismus und dessen als „menschenverachtend“ geschmähtem Grenzregime abzusetzen hatte.

(In den zugangsbeschränkten und strikt kontrollierten „Gated Communities“ findet diese Entwicklung ihren Niederschlag noch auf der kommunalen Ebene.)

Das ist eben die letzte Wahrheit jenes Deregulierungsfetischs, den man als „Globalisierung“ preisen oder verfluchen kann: die Freiheit, die gemeint ist, ist nur jene der Waren-, Daten- und Kapitalströme, nicht aber der Menschen. Davon leben die sogenannten „Global Players“ und die vermeintlich souveränen Nationalstaaten willfahren. Es ist vermutlich leichter, einen Produktionsstandort in ein Billiglohnland zu verlegen, als Arbeitskräfte aus dem Billiglohnland in die erste Welt zu holen. Aber dafür geht ebenso vermutlich auch eher ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher in den Himmel (Mk 10, 25); wenigstens die jenseitigen Sortierungssysteme bieten hienieden etwas Trost und ausgleichende Gerechtigkeit.

Ganz neu ist das freilich alles nicht, und die älteren Römer werden einwenden, schon der Limes habe die Barbaren draußen halten sollen; und untergegangen sei das römische Reich ja trotzdem. Auch sei das Phänomen Grenze ja überhaupt eine schlicht zwangsläufige Funktion jeglicher Vorstellung von Eigentum und habe ja neben dem Moment der Abwehr nach Außen auch das von Einigung nach innen, und im Nationalstaat sei ja doch recht gut und sicher kuscheln. Und daß die Endzone dieser gemeinsamen Kuschligkeit nun eben nicht mehr wie ganz am Anfang noch mit kultischer und religiöser Weihe sondern erst mit der Macht des Rechtsgedankens und einer starken Exekutive die gewünschte wehrende Kraft ausübe – das sei doch lediglich ein gradueller Unterschied. Man könnte sich hier trefflich in die Untiefen der ökonomischen und politischen Philosophie begeben und dort geraume Zeit streiten. Dies soll aber genauso unterbleiben wie Überlegungen dazu, daß Grenzen natürlich auch Konstituens für gewisse Hoffnungen und Freiheiten sind: die phantasmagorischen Spielformen der Utopie, der Heterotopie und des Exotismus beruhen darauf, daß es einen klaren Trennstrich gibt zwischen dem hier und jetzt und einem Anderen. So liegt – mit einem banalen Beispiel – für den US-Amerikaner „South of the Border“ eben nicht nur die hereindrängende Bedrohung durch das Andere, sondern auch die Chance hinauszugehen und am anderen Ort anders zu sein (zum Beispiel die Sau rauszulassen). Zumindest im grenznahen Bereich lebt es sich nicht schlecht von der Grenze und den wirtschaftlichen Gefällen. So man auf der richtigen Seite steht.

Abschließend noch eine letzte Assoziation, jenseits der politischen Lesart eine ästhetische. Beim längeren Betrachten der Bilder erscheint es, als richte Erbacher mit seinen Fotos von der Grenze wiederum selbst eine Grenze auf – zwischen dem Gegenstand und seinem Betrachter. Trotz der eindeutigen „Gewesenheit“ des Dargestellten, trotz der nüchternen, objektiven Betrachtungsweise, trotz des direkt abbildenden Mediums Fotografie: erscheinen die einsamen Grenzstationen in eigenartiger Distanz. Vielleicht liegt es an der makellosen Oberfläche der C-Prints, an der Menschenleere, vielleicht an unseren an der Autobahn geschulten Sehgewohnheiten: den Bildern von den „null staaten“ eignet eine massiv spürbare Aura im Sinne Walter Benjamins: „ein sonderbares Gespinst aus Raum und Zeit: eine einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.“

Auch die ergänzenden Filme beschäftigen sich mit dem Motiv des „Dazwischen“ und des Transitorischen.

Von Erbachers Videotagebuch war bereits die Rede. Die Reise, die zu den dokumentierten Grenzen geführt hat, also das, was zwischen der Absicht und der Ausführung lag, wird hier selbst zum Thema.

Die Kölnerin Antje Knapp beschäftigt sich in ihrer Koffer-Serie hingegen, wie der Titel nahelegt, mit einem greifbaren und symbolisch stark aufgeladenen Leitfossil des Reisens; in den hier gezeigten Filmen werden wir zuerst Zeuge der verschlungenen und geheimnisvollen Reise des Reisegepäcks hinter den Kulissen eines Großflughafens und dann einer äußerst skurrilen Versteigerung von verlorenem Gepäck am Flughafen – und des Spaßes, den die neuen Besitzer offensichtlich damit haben.

Der „Provinzloop“ von Ralf Bücheler und Kathrin Lindauer hingegen verfolgt die Spur eines Reisenden durch die Transportsysteme, vom hektischen Nahverkehr der Großstadt über kleiner und langsamer werdende Züge bis in die tiefe Provinz – und zurück – ad infinitum; eine in-vivo-Studie über Tempo und Bewegung, Abfahren und Ankommen, und vor allem: über jenes „Dazwischen“, das sich vom Abfahren zum Ankommen spannt. (Peter T. Lenhart)