I love no waiting – Some kind of vacuum – Die Rede


I love no waiting
Some kind of vacuum

Gott sei Dank kann man auf den Webseiten der NASA auch nachsehen, wie man sich im freien All verhalten sollte, falls einen der Zufall dereinst einmal ungeschützt dorthin verschlägt. Gott sei Dank, oder genauer gesagt dank einer Diskussion um den Realismus einer Szene aus Kubricks 2001, in der Astronaut Dave für einen Moment ohne Helm durchs All hastet, um wieder ins Raumschiff zu kommen. Wir erinnern uns: Da ist dieser böse Computer HAL, der dann, als seine Speicher, sein Bewusstsein, was auch immer, Schritt für Schritt geleert werden, so langsam spricht. “Ich spüre es. Ich habe Angst. Guten Tag meine Herren ….” Also: Wie lange kann ein Mensch ungeschützt im All überleben? Der Service “Fragen Sie einen Astrophysiker” auf den Seiten der NASA gibt Antwort. Also sprach Zarathustra – respektive der Astrophysiker: Wichtig! Nicht versuchen die Luft anzuhalten. Das hätte fatale Folgen. Ohne die Luft anzuhalten kann man einige Sekunden lang ganz beruhigt sein, wahrscheinlich widerfährt einem eine ganze halbe Minute lang noch nichts, was sich nicht wieder einrenken ließe. Bei angehaltenem Atem allerdings käme die Lunge wohl arg in Bedrängnis, ähnlich wie das Tiefseetauchern passiert, die zu schnell wieder aufsteigen – und dazu kommen Ohrensausen und Schwindel, da ist ordentlich Druck auf den Trommelfellen … – also unbedingt ausatmen, draußen im Weltraum, das Vakuum verursacht zunächst keinen unmittelbaren Schaden. “You do not explode” – “Sie explodieren nicht”, liest man beruhigt. Ja, man wird nicht einmal sofort bewusstlos; die ersten paar Sekunden erlebt man alles mit. Die Haut, der Kreislauf, der Blutdruck, halten einen schon zusammen! Und obwohl es sehr sehr kalt ist, in diesem Vakuum – geht die Körperwärme nicht so schnell verloren, eben gerade weil es ein Vakuum ist! Erfrierungserscheinungen sind nicht zu befürchten und wer gehört hat, es könnte genau andersherum sein und das Blut zu kochen anfangen – nein, tut es nicht, höchstens der Speichel! Alles ist gut! Wohlgemerkt, wir sprechen von der ersten halben Minute! Eine Ewigkeit! Ein paar kleinere Blessuren muss man allerdings schon bereit sein in Kauf zu nehmen, für das Vergnügen eines Vakuumnacktbads! Die Haut kann ein bisschen anschwellen – aber das tut nicht weh und vergeht dann wieder – und insbesondere die Gefahr eines ordentlichen Sonnenbrands ist nicht von der Hand zu weisen. Erste Symptome kann man nach circa zehn Sekunden erwarten. Dann, irgendwann in dieser Unendlichkeit, dieser Vakuumzeit, macht sich der Sauerstoffmangel arg bemerkbar, man wird ohnmächtig, der Schaden nimmt zu. “After perhaps one or two minutes, you’re dying” heißt es lapidar. “The limits are not really known.” – Und wir können hier keine Gewähr übernehmen! Denn wer von uns war schon wirklich da draußen? Dass es das Vakuum nur in kleinen Dossierungen gibt, wissen wir längst, seit den Marmeladentöpfen unserer Kindheit. Das Vakuum konserviert, es hält die Verwesung an, es verlangsamt die Zeit. All die Mütter beim Einwecken – Großversuch, dass die Kinder länger Kinder bleiben. Vakuum Warten, Vakuum Stille, Vakuum Moment. Das Vakuum entlädt die Gewitter, das Vakuum hält alles am Laufen. Denn Vakuum heißt ja meist nur, dass darin etwas leerer ist, als darum herum. Und das nutzen wir gerne aus, um es zu füllen. Die Luftpumpe mit Luft, den Staubsauger mit Staub, die Kohlefadenlampe nicht mit Kohle – haha -, sondern mit Licht, die White Cubes der Museen und Galerien mit Kunst. “Eher erträgt die Natur ihren Untergang als den kleinsten leeren Raum”, hat Pascal behauptet (ich kondensiere das jetzt nicht aus Cumulus NASA, sondern aus Cumulus WIKI). Alleine das Fehlen von Luft muss ja noch nicht heißen, dass ein Raum wirklich leer ist! Wie kann Vakuum sein, wenn das Licht hindurchscheint? Dann ist doch zumindest das Licht darin, und somit keine völlige Leere! Und Nikola Tesla, der heute Geburtstag hat (wie ja auch Calvin: heute ein halbes Jahrtausend – das Vakuum der verstrichenen Zeit -, eine Vakuummaßnahme auch dies: Wirtschaften schließen und Abteien hinein, aber zurück von reinen Lehren zu groben, feinen, hohen und ultrahohen Leeren – HV, UHV, XHV …), Tesla also, hat Energie durch den Raum übertragen, ohne Kabel, in seine Vakuumröhren, so dass sie angefangen haben zu leuchten. (Und aus Vakuumröhren holte er Röntgenstrahlen – Achtung: schlecht für die Haut, wie auch das Vakuumnacktbad!) Ist das Licht Welle oder Korpuskel. In welchem Medium pflanzt es sich fort? Some kind of … ja was eigentlich? “Denn was der Äther ist, weiß ich nicht”, gestand Newton. Eine Unschärfe. Bis zu Einstein, Bohr und Heisenberg haben sich viele darüber den Kopf zerbrochen – und nach ihnen schon auch noch! – Horror Vacui? Angst vor der Leere? Angst vor dem weißen Blatt? Aber woher! Das Vakuum saugt nicht, auch das hat Pascal vorgeführt. Es bleibt die Leere in der Leere – von selbst füllt sie sich eben nicht. Die leergesaugten Magdeburger Halbkugeln des Luftpumpen-Erfinders Otto von Guericke – wir erinnern uns, Schule, Deutsche Museum! – werden vom Luftdruck der außen anliegt, zusammengedrückt, und nicht vom Vakuum selbst. Und wir haben hier zwar keine ziehenden Rösser, aber wir haben eine Ausstellung gehängt, als unser Experiment! Wir haben Vakuum ins Vakuum gebracht, bildlich gesehen. Wir haben den Raum damit voll gemacht. Wir mögen das Vakuum, weil wir Platz brauchen. Weil da, wo alles schon zugestellt ist, nichts hinpasst. Weil es, ganz einfach so schön leer ist. Aber, so paradox es klingt, seine Leere ist Konzentration, die Seele der Welt, die reine Luft, die die Götter atmen und in der die Himmelskörper schweben. Vakuum ist wie ausatmen und dann die Luft anhalten. Also die Luft, die draußen ist, um einen herum, und nicht drinnen, in der eigenen Lunge, wo man sie nötig hat. Das Vakuum ist kaum vorstellbar ohne die Fülle, weckt es doch die größte Sehnsucht einzuatmen! – erwartungsvollsten Dank also an alle Künstlerinnen und Künstler, hingebungsvollsten Dank an die Galerie-Royal-Gastgeber, hochachtungsvollsten Dank an den Vakuumeister Johan de Blank, sehnsuchtsvollsten Dank euch allen, fürs Kommen und Schauen und Hören! – Endlich, endlich einatmen, I love no waiting – holen wir tief Luft! Luft!

Nikolai Vogel
am 10. Juli 2009