Erika Krause
Eva-Maria Wittmann

Erika Krause, Eva-Maria Wittmann

25.4. bis 24.5.2003

Mit ihren Arbeiten, die zwar für sich stehen, die aber zusammengenommen auch als eine Art großer Installation funktionieren, beschäftigen sich Erika Krause und Eva-Maria Wittmann mit den Motiven des Waldes und des Hauses, unter anderem in bewußter Anlehnung an das Leitmotiv einiger vorangegangener Ausstellungen der Galerie Royal. Sie thematisieren und problematisieren in einer zeitgenössischen Sprache zwei wichtige Elemente aus dem Gedanken- und Bilderrepertoire der europäischen Romantik.
Mit ihren Cut-Outs (die kraftvoll hingeworfenen Striche ihrer eigenen Zeichnungen werden in stark vergrößertem Maßstab auf farbiges Papier aufgetragen und exakt ausgeschnitten, um dann direkt auf die Wände appliziert zu werden) evoziert Erika Krause ein Bild aus dem tiefen, dunklen und bisweilen unheimlichen Wald mit immer wieder auftauchenden Tieren; Tiere, die sich kaum je ganz und in stillhaltender Erkennbarkeit präsentieren, sondern nur in schlaglichthaften Details aufscheinen und die in ihrer Flüchtigkeit zwischen tatsächlichen Spezies und seltsamen Märchen- und Fabelwesen oszillieren. Die Durchführung des Themas in dieser spezifischen Skizzenhaftigkeit und Farbigkeit (ja: Farbenfrohsinn) erzeugt hierbei noch eine zusätzliche, beinahe ironische Brechung.

Dieser Allegorie der ungestalteten, unkontrollierbaren und letztlich sogar un(be)greifbaren Natur setzt nun Eva-Maria Wittmann ein Paradigma von Kultur, Seßhaftigkeit, Schutz und Geborgenheit entgegen, das Haus. (Daß dieser Begegnung eine enorme Spannung innewohnt macht schon der wichtige handlungstreibende Topos der einsam im Wald gelegenen Kate, Köhlerhütte etc. der Märchen anschaulich.) Die drei großen Skulpturen bilden einen Ausschnitt aus der Phänomenologie des Hauses überhaupt. Der Iglu, das klassische hausförmige Haus wie in Kinderzeichnungen, der extrem reduzierte skelettale, turmartige Bau: verschiedene Gestaltabschattungen des umbauten, umhegten Raumes, die in ihrer Verschiedenartigkeit letztlich die anthropologische Konstante der Idee „Haus“ sichtbar machen können. Formal sind es Variationen von Dichte und Durchlässigkeit, Offenheit und Geschlossenheit, Massivität und Leichtigkeit, Konkretem und Abstraktem.

Dieser oberflächlichen dialektischen Gegensätzlichkeit von Innen und Außen, Ich und Nicht-Ich, Natur und Kultur wohnt aber letztlich auf einer anderen, romantischen Sinnebene die versöhnende Synthese bereits inne. Denn so wie das Haus im kollektiven Unbewußten stets auch das (verlorene) Eltern-Haus ist, unser erster Kosmos, Ursprung und vollkommene Geborgenheit, so imaginiert das romantische Denken auch die Natur als verlorenen Ursprung, als wiederzufindendes Paradies, von dem uns die Probleme der Kultur entfremdet haben, als einen kindlich-unschuldigen Seinszustand.
Beide, Natur und Haus gleichermaßen, sind also mithin nach rückwärts projizierte Utopien des entfremdeten und entwurzelten Menschen der Moderne – des „unbehausten Menschen“ (Holthusen). Oder, wie Kleist sagte, ein verriegeltes Paradies, welches wir erst nach einer mühsamen Reise um die Welt vielleicht von hinten wieder betreten können.